Aktuelles aus der Präventionsarbeit

Nach der Risikoanalyse schreibt Johanna Gabor das Schutzkonzept

Altenzentrum St. Kilian Letmathe arbeitet gewissenhaft am Thema "Prävention von sexueller Gewalt"

Heimleiter Wolfgang Eberz, Pflegedienstleiterin Tanja Kaeding und Präventionsbeauftragte Johanna Gabor.pdp / Ronald Pfaff Paderborn/Letmathe, 18. Juli 2018. „Es braucht institutionelle Schutzkonzepte, die individuelle und strukturelle Bemühungen zum Schutz der anvertrauten Menschen in den Mittelpunkt stellen“, dies war eine der zentralen Forderungen beim Fachtag der Koordinationsstelle Prävention von sexueller Gewalt im Erzbistum Paderborn im März in der Kommende Dortmund. An vielen Institutionen, Schulen und Gemeinden des Erzbistums wird derzeit an Schutzkonzepten gearbeitet. Zudem bietet die Koordinationsstelle Prävention Qualifizierungsmaßnahmen für Präventionsfachkräfte an, die unter anderem die Aufgabe haben ihren Träger bei der Entwicklung des Institutionellen Schutzkonzeptes zu unterstützen.

„Ein Schutzkonzept kann nicht für alle Häuser oder Institutionen gleich sein“, weiß Wolfgang Eberz. Deshalb war es für den Heimleiter des Altenzentrum St. Kilian in Iserlohn-Letmathe selbstverständlich, dass an einem eigenen Schutzkonzept „Prävention von sexueller Gewalt“ intensiv gearbeitet wird. Dazu konnte das Altenzentrum, das in Trägerschaft der katholischen Kirchengemeinde St. Kilian steht, auch Erfahrungen einbringen, die aus dem Projekt „Gewalt-Prävention“ seit drei Jahren gesammelt wurden.

Hier hat schon Johanna Gabor mitgearbeitet, in deren Händen nun das Schutzkonzept „Prävention“ liegt. „Acht Seiten sind bisher geschrieben, zwanzig Seiten werden es aber wohl werden“, so die 30-jährige Sozialarbeiterin B.A. seit acht Jahren im Altenzentrum St. Kilian arbeitet. Während des Studiums hat sie schon in der Einrichtung in Letmathe begonnen, wurde übernommen und gibt ihr Fachwissen auch als Honorardozentin in der Altenpflegeschule weiter. Mit einer dreiköpfigen Arbeitsgruppe tauscht sie sich bei regelmäßigen Treffen aus und diskutiert kritisch alle Facetten.

„Wenn man Gelegenheiten unterbindet, dann wird es für möglicher Täter schwieriger“, nennt Johanna Gabor einen Faktor für die Erstellung des Schutzkonzeptes, das keine Aspekte auslassen soll. Ein erster wichtiger Schritt ist die Risikoanalyse, die sich mit Strukturen ebenso beschäftigt wie mit Menschen und Gebäude. Danach wird ein Verhaltenskodex erstellt, der immer eine „neue Kultur des achtsamen Miteinanders“ im Auge behält. „Es ist noch viel Arbeit, denn um ein gutes Schutzkonzept zu erstellen, muss man den Kopf frei haben und sich aus der normalen Alltagsarbeit rausziehen“, so Johanna Gabor, denn Woche für Woche mache man neue Erfahrungen.

So habe man immer eher männliche Täter im Kopf, doch es können genauso Frauen sein, berichtet Gabor. Auch der Blick auf das Gebäude dürfe nicht vernachlässigt werden. In einem Haus mit verwinkelten Fluren könne man baulich wenig ändern, aber das Risiko minimieren.

143 Bewohner leben im Altenzentrum St. Kilian in einem angenehmen Letmather Wohnviertel. 160 Angestellte aus verschiedenen Berufsgruppen kümmern sich in ihren unterschiedlichen Aufgabenfeldern um die Seniorinnen und Senioren. „Für das Schutzkonzept müssen wir dies auf dem Schirm haben und beachten, dass auch mal unterschiedliche Kulturbereiche aufeinander treffen“, sagt Wolfgang Eberz: „Wir müssen vor allem die Schutzbefohlenen im Auge haben, da sie die Schwachen sind. Aber wir dürfen nicht übersehen, dass auch Bewohner gegenüber Personal mal übergriffig werden können.“

Deshalb werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geschult. Eine Basisschulung ist Pflicht - Leitungskräfte werden sogar noch umfangreicher geschult. Vier Stunden sind Pflicht, für Leitungskräfte sogar noch mehr Stunden. „In diese Schulung nehmen wir auch die ehrenamtliche Helfer des Hauses – etwa 20 bis 25 – damit diese auch ein Handwerkszeug erhalten“, so Johanna Gabor. Schon bei der Einstellung, so ergänzt Pflegedienstleitung Tanja Kaeding, würden neue Mitarbeiter auf die Prävention angesprochen. Ein Führungszeugnis sei Pflicht, dazu müsse eine selbstverpflichtende Erklärung unterschrieben werden, die alle fünf Jahre erneuert werde.

Veränderungen habe es im Laufe des Jahres schon gegeben durch die Aufklärungsarbeit zur „Prävention sexualisierter Gewalt“, doch der Erfolg sei nicht messbar: Da keine Fälle bekannt seien. Doch die Mitarbeiter seien aufmerksamer geworden, um Grenzüberschreitungen nicht zuzulassen. Auch sei das Bewusstsein geschärft worden, wo denn überhaupt – sexualisierte – Gewalt beginne. „Wir appellieren, mit offenen Augen und Ohren durch das Haus zu gehen“, so Heimleiter Wolfgang Eberz, der ahnt, dass es ein langwieriger Prozess bleibe, um das Schutzkonzept immer wieder zu aktualisieren. „Wichtig ist, dass wir uns mit dem Thema beschäftigen. Jeder muss sich klar werden, dass es so etwas überhaupt gibt. Wir müssen auch Wege öffnen, dass sich Mitarbeiter oder Bewohner trauen, etwas zu sagen, wenn sie etwas bedrückt“, erklärt Tanja Kaeding.

Für die ältere Generation sei Sexualität ein Tabu-Thema, musste Johanna Gabor in ihrer langjährigen Praxis feststellen. Jeder habe auch ein individuelles Empfinden und unterschiedliche Grenzen. Diese Unterschiede müssten beachtet werden. Eine neue Herausforderung sei auch die steigende Zahl von Demenzerkrankten geworden. „Deshalb müssen sich Mitarbeiter und Präventionsfachkräfte verstärkt austauschen. Sie müssen lernen, dass Mimik und Gestik eine große Rolle spielen, wenn zum Beispiel die verbale Verständigung fehlt“, muss Johanna Gabor in ihrem Schutzkonzept viele Aspekte berücksichtigen. Aspekte, die für St. Kilian spezifisch sind, aber in einem anderen Altenzentrum oder gar in der Jugendarbeit schon ganz andere Schwerpunkte haben können.